
Kapitel 10
Wachsen und die Zukunft weiter gestalten
In den vorherigen Schritten haben wir gezeigt, wie sich Lösungen für eine bessere Mobilität im Quartier erfolgreich in die Tat umsetzen lassen.
Worauf kommt es nun an, wenn die neuen Mobilitätsangebote dauerhaft bleiben sollen? Wie schaffen es die Projektgruppen, gemeinsam weiter-zuarbeiten? Wie entwickeln sie die Projekte fort? Wie setzen sie neue Ideen um? Wie überzeugen sie andere, mitzumachen oder das Angebot andernorts in ähnlicher Weise umzusetzen?
Kapitel 10
Wachsen und die Zukunft weiter gestalten
In den vorherigen Schritten haben wir gezeigt, wie sich Lösungen für eine bessere Mobilität im Quartier erfolgreich in die Tat umsetzen lassen.
Worauf kommt es nun an, wenn die neuen Mobilitätsangebote dauerhaft bleiben sollen? Wie schaffen es die Projektgruppen, gemeinsam weiter-zuarbeiten? Wie entwickeln sie die Projekte fort? Wie setzen sie neue Ideen um? Wie überzeugen sie andere, mitzumachen oder das Angebot andernorts in ähnlicher Weise umzusetzen?
A. Fortschritt im Blick
A. Fortschritt im Blick
In der letzten Phase des Projekts MobiQ beschäftigten wir uns damit, wie die geschaffenen Mobilitätslösungen dauerhaft gesichert und ausgebaut werden können. Der Erfolg der Projekte lässt sich heute noch nicht abschließend einschätzen. Wie in Schritt dargelegt, konnten wir aber auch bei dieser Frage von anderen Beispielen lernen. Von Anfang an war es das Ziel, Angebote zu schaffen, die ohne dauerhafte Unterstützung von außen fortgeführt werden können.
Das bedeutet zunächst einmal, dass eine ausreichend große Gruppe von Menschen sie vor Ort mitträgt. Initiator:innen aus der Wissenschaft oder aus dem Quartier sollten nicht versuchen, ihre eigenen bevorzugten Lösungen „durchzudrücken“.
Wir haben uns als Projektteam in manchen Phasen bewusst etwas zurückgenommen. Die Menschen vor Ort übernahmen Mitverantwortung und eigneten sich das nötige Wissen an, das sie zum dauerhaften Weiterbetrieb benötigen. Wir versuchten aber, die geschaffenen Mobilitätsangebote so zu beeinflussen, dass sie tragfähig wurden. Dabei half uns das Wissen über Fallbeispiele, die andernorts erfolgreich umgesetzt wurden.
Wichtig ist es, frühzeitig zu beurteilen, ob die Nachbarschaft bzw. die Stadt oder Gemeinde auf Dauer ein geeigneter Raum für die Umsetzung einer Idee ist. Manchmal hilft es, andere Ebenen einzubeziehen, z. B. den Landkreis, den ÖPNV-Verbund oder die Landesregierung. So entscheiden beispielsweise über die Gestaltung des ÖPNV-Netzes und die ÖPNV-Haltestellen die Landkreise bzw. die kreisfreien Städte. Wenn ihr den Radverkehr fördern wollt, solltet ihr beachten, dass das übergeordnete Wegenetz auf der Landesebene definiert wird, dort aber auch viele Förderprogramme angesiedelt sind.

Wenn ich mal irgendwo dabei bin, dann ziehe ich es auch durch!“
Wir unterstützten Bestrebungen, die Mobilitätsangebote auszuweiten. So wurde noch in der Projektlaufzeit die Plattform „Pendla“ von Waldburg aus auf den ganzen Landkreis Ravensburg ausgedehnt. Und es gibt weitere Ideen, Konzepte räumlich zu erweitern, etwa den Einkaufsshuttle Geislingen und das Lastenradsharing Waldburg.
Grundsätzlich eignen sich die in MobiQ erprobten Mobilitätsangebote auch als Vorbild für andere Nachbarschaften. An ihrer Entwicklung waren viele Menschen aus den Quartieren beteiligt. Daher sollten sie einfacher übertragbar sein als Mobilitätsangebote, die als sehr spezielle Konstrukte in eher geschlossenen Gruppen (z. B. Wohnprojekten) entwickelt wurden.30 Trotzdem solltet ihr, wenn ihr die in MobiQ geschaffenen Angebote auf andere Standorte übertragen wollt, beachten, welche Besonderheiten von Waldburg, Geislingen bzw. Stuttgart-Rot eine Rolle bei der Ausgestaltung gespielt haben.
B. In guten Händen
B. In guten Händen
Spätestens wenn das neue Mobilitätsangebot an deinem Ort stabil funktioniert, stellt sich die Frage: Wer ist der oder die Richtige, um es weiter zu betreiben? Wie viel Aufwand braucht es dauerhaft dafür? Es kommt darauf an, wie man an diesen Beispielen sieht:
Manchmal ist es aber auch kein „Entweder-Oder“, sondern es geht eher darum, eine auf die Dauer sinnvolle Aufgabenverteilung zwischen Ehrenamtlichen, Verwaltung und oft auch der Immobilienwirtschaft oder anderen Unternehmen festzulegen.
C. Gemeinsam für morgen
C. Gemeinsam für morgen
Schon früh in der Entwicklung und Umsetzung sollten du und deine Mitstreiter:innen sich fragen, wie eure Mobilitätsidee dauerhaft funktionieren kann. Spätestens nach einigen Monaten solltet ihr eine erste Bilanz ziehen und die sechs Fragen aus Schritt 3 beantworten, zum Beispiel: Hat sich die Umgebung verändert? Bietet das Angebot noch einen Mehrwert? Sind die Schlüsselpersonen (Fachleute, ehrenamtliche Macher:innen, wichtige Verbündete) noch an Bord? Sind sie mit der Art, wie sie sich engagieren, dauerhaft zufrieden?
Für die Einführung eines neuen Mobilitätsangebots braucht es Geduld. Spätestens nach etwa zwei Jahren sollte sich aber zumindest eine Tendenz abzeichnen: Kann das Mobilitätsangebot zu einem „Selbstläufer“ werden? Kann es dauerhaft und ohne viel Zutun von außen erfolgreich ein Mobilitätsproblem in der Nachbarschaft lösen? Gibt es einen Trend bei den Nutzungszahlen? Gibt es Kontakt zu den Nutzer:innen, sodass deren Bedürfnisse bekannt sind?
Falls dadurch Probleme erkannt werden, blättere in diesem Handbuch nochmals zurück, vor allem zu den Schritten 2 bis 5. Hole dir erneut Expertise von außen. Eine weitere öffentliche Bürger:innenwerkstatt könnte sinnvoll sein, um das Angebot neu zu beleben oder zu verändern. Du solltest aus den früheren Projektphasen Ideen haben, welches Format sich dafür anbietet. Vielleicht kann ein Anreizsystem oder ein Wettbewerb neuen Schwung geben?
Auch wenn das Angebot gut angenommen wird, sollten alle Beteiligten jede Gelegenheit nutzen, um dafür zu werben. Sprecht darüber! Nutzt Veranstaltungen im Quartier für Flyer, Plakate und Sonderaktionen. Bespielt die sozialen Medien. Werft Flyer in die Briefkästen oder lasst sie in der Bäckerei auslegen.
Ein besonderes Augenmerk sollte darauf liegen, nicht in der eigenen „Blase“ zu bleiben. Es ist schön, wenn die Engagierten und an Nachhaltigkeit Interessierten mit-machen: Menschen, die vor Einführung des Mitfahrdienstes schon private Fahrgemeinschaften hatten, die sowieso ehrenamtlich aktiv sind, die auch vorher schon Fahrrad oder Bus gefahren sind. Aber sprecht gezielt auch Personen an, die noch nicht mitmachen, wie kürzlich zugezogene Menschen, die sich sprachlich nicht sicher genug fühlen, um sich für Veränderungen einzusetzen. Oder die beruflich stark eingespannten Auto-Pendler:innen, die nicht ehrenamtlich engagiert oder vernetzt sind. Hier liegt das größere Potenzial, wenn das Angebot wachsen und Probleme lösen soll. Versetzt euch in diese Personen hinein und macht sie auf andere Weise auf eure Aktivitäten und die neuen Mobilitätsangebote aufmerksam. Stellt zum Beispiel dort ein Banner auf, wo sich morgens der Autoverkehr staut.
Zur Bestandsaufnahme gehört auch, dass ihr die Finanzen ehrlich betrachtet. Kosten für die Wartung und den Ersatz von Fahrzeugen, Lizenzen für Ausleih- und Organisationstools sowie Aufwandsentschädigungen für Beteiligte müssen dauerhaft gedeckt sein. Dies könnte der Moment sein, Sponsoren aus der Wirtschaft anzufragen oder gemeinsam mit der Gemeindeverwaltung nach Fördermitteln Ausschau zu halten. Vielleicht kommt auch infrage, das Angebot zu „professionalisieren“, indem es in den regulären ÖPNV oder in eine größere Plattform eingebunden wird.
Es braucht eine kritische Masse an Menschen, die Zeit investieren können, um das Projekt aufrechtzuerhalten. Ein Mobilitätsangebot sollte nicht dauerhaft von einzelnen Personen abhängen. Oft wird berichtet, dass Menschen zwar gerne niederschwellig ehrenamtlich mitarbeiten, z. B. als Fahrer:in oder in der Werkstatt, dass es aber schwierig ist, Menschen zu finden, die Verantwortung übernehmen und Konzepte weiterentwickeln. Beantworte dir ehrlich die Frage: „Was ist, wenn ich (oder eine andere Person) mal ausfalle, läuft es dann weiter?“ Sprich andere in der Gruppe, Nutzer:innen und auch die Gemeindeverwaltung an, da-mit ihr die Arbeit auf mehr Schultern verteilt. Trefft euch regelmäßig, um aktuelle Themen zu besprechen. Auch eine Vereinsgründung kann organisatorische Stabilität geben.
Wenn ein Angebot erfolgreich ist, stellt sich oft automatisch die Frage nach der Erweiterung. Oder ihr stellt fest, dass das Angebot erst richtig „komplett“ ist und besser funktionieren wird, wenn ihr den Einzugsbereich vergrößert oder weitere Zielgruppen an-sprecht. Menschen legen beispielsweise täglich viele Kilometer auf dem Weg zur Arbeits- oder Ausbildungsstätte zurück. Ein Angebot, das sich an Pendler:innen richtet, sollte daher räumlich und zeitlich nicht zu eng begrenzt sein. Eine Erweiterung ist aber nicht immer ohne Weiteres möglich und sinnvoll. Wenn man das Konzept unüberlegt oder beliebig erweitert, kann dies seinen Charakter zu sehr verändern und damit die dauerhafte Existenz infrage stellen. Wenn es beispielsweise bei einem Fahrdienst für das Vertrauen unverzichtbar ist, dass die Mitfahrer:innen ihre Fahrer:innen persönlich kennen, sollte eine Erweiterung gut überlegt werden. Außerdem solltet ihr auch genügend personelle und finanzielle Res-sourcen haben. Führt die Bewertung (siehe Schritt 7) weiter. Vielleicht lässt sich der Erfolg eures Mobilitätsangebots auch besser dadurch ausbauen, dass es auf andere Standorte übertragen und dort an die örtlichen Gegebenheiten angepasst wird. Auch hier hilft ein Blick auf andere Fallbeispiele.31 Nutzt euer Netzwerk (siehe Schritt 4), um Lösungen in die Breite zu tragen.

Das erfolgreiche Experiment zur Verkehrsberuhigung der Fleiner Straße hat den Weg für eine langfristige Umsetzung geebnet und wird gemeinsam mit der Projektgruppe weiterverfolgt. Foto: Barbara Hefner

Damit ein Mobilitätsangebot nachhaltig funktionieren kann, ist eine ausreichende Anzahl von engagierten Personen erforderlich, wie es beim Lastenrad in Waldburg der Fall ist. Foto: Lukas Minnich

Die Fertigstellung des Parklets in Geislingen motivierte die Projektgruppe, mit neuer Entschlossenheit in die Zukunft zu blicken und Pläne für die Weiterentwicklung des Angebots zu schmieden. Foto: Stefan Tielesch
D. Die Rolle der Stadt oder Gemeinde
D. Die Rolle der Stadt oder Gemeinde
Wie im vorigen Abschnitt erwähnt, lassen sich Menschen oft einfacher für eine „handfeste“ Mitarbeit gewinnen als für organisatorische Tätigkeiten. Bei ehrenamtlich getragenen Mobilitätsangeboten kann es somit eine wichtige Rolle der Gemeinde sein, sich um organisatorische Tätigkeiten zu kümmern. So übernimmt sie Verantwortung und ermöglicht gleichzeitig den engagierten Bürger:innen eine sinnstiftende Arbeit. Wenn es etwa darum geht, die Angebote dauerhaft zu sichern und ggf. zu erweitern, kann dies zum Beispiel bedeuten, dass Eigentum, Wartungsverträge und die Versicherung von Fahrzeugen oder auch Buchungsportale an die Gemeinde übergehen. Diese kann auch finanziell unterstützen, oftmals aus bestehenden Budgets zur Ehrenamts-, Mobilitäts- oder Klimaschutzförderung.
Die Stadt oder Gemeinde kann zudem die Mobilitätsangebote weiterhin bewerben und in Erinnerung rufen. Wenn man beispielsweise die Bürgermeisterin mit dem geteilten Lastenrad auf der Straße trifft oder in der Einladung zum Neujahrsempfang auf den ehren-amtlichen Fahrdienst hingewiesen wird, ist dies vielleicht die beste Werbung. Oder wenn empfohlene Fahrradstrecken aus der Pendler:innen-Community auch auf der Webseite und den Social-Media-Kanälen der Stadt oder Gemeinde eingestellt werden, gibt dies dem Angebot mehr Reichweite und einen „offiziellen Anstrich“.
Eine zentrale Rolle übernimmt die Stadt oder Gemeinde auch beim Austausch mit Nachbargemeinden, dem Landkreis oder dem ÖPNV-Aufgabenträger. Sie kann dazu anregen, Angebote auf Nachbargemeinden zu übertragen oder das Bedienungsgebiet entsprechend zu erweitern. Wenn die nachbarschaftlichen Mobilitätskonzepte auf bestimmten Strecken besonders rege genutzt werden, könnte sich dort die Einführung oder Erweiterung eines regulären ÖPNV-Angebots, z. B. einer Buslinie, lohnen.
Weiterarbeiten mit Inhaltskarten
Inhaltskarten zu Kapitel 10: Wachsen und die Zukunft weiter gestalten
Diese Inhaltskarten helfen dir, über die Verstetigung deines Projekts nachzudenken, neue Entwicklungsschritte zu planen und langfristige Strukturen aufzubauen.
Verstetigung planen
Überlege, wie dein Projekt dauerhaft bestehen kann und welche Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssen.
IN 102Strukturen sichern
Kläre, welche organisatorischen, finanziellen und personellen Grundlagen dein Projekt langfristig tragen können.
IN 103Weiterentwicklung organisieren
Plane, wie das Projekt aus Erfahrungen lernen, sich verändern und auf neue Bedürfnisse reagieren kann.
IN 104Zukunft gemeinsam gestalten
Denke über Wachstum, Übertragbarkeit und neue Ideen nach, damit aus einem Projekt langfristige Veränderung entstehen kann.
