Kapitel 5

Ideen gemeinsam entwickeln

Nachdem die Chancen, Herausforderungen und Hindernisse der Mobilität am Standort gemeinsam analysiert wurden, geht es nun darum, kreativ zu sein und Lösungen zu finden, die für die Menschen in der Nachbarschaft passen. Vergleichbar mit einer Werkstatt, in der gehobelt, gefeilt und geschraubt wird, entstehen in einer Bürger:innenwerkstatt konkrete Ideen, wie sich die Mobilität vor Ort besser gestalten lässt. Das Werkstatt-Format ermöglicht es, ausgewählte Ideen zu diskutieren und umzusetzen.

Kapitel 5

Ideen gemeinsam entwickeln

Nachdem die Chancen, Herausforderungen und Hindernisse der Mobilität am Standort gemeinsam analysiert wurden, geht es nun darum, kreativ zu sein und Lösungen zu finden, die für die Menschen in der Nachbarschaft passen. Vergleichbar mit einer Werkstatt, in der gehobelt, gefeilt und geschraubt wird, entstehen in einer Bürger:innenwerkstatt konkrete Ideen, wie sich die Mobilität vor Ort besser gestalten lässt. Das Werkstatt-Format ermöglicht es, ausgewählte Ideen zu diskutieren und umzusetzen.

A. Ideenschmiede der Mobilität

A. Ideenschmiede der Mobilität

Die erste Werkstatt-Phase im Projekt MobiQ war zugleich der Startschuss für die gemeinsame Arbeit mit den Bürger:innen und Unterstützer:innen aus den drei Nachbarschaften. Damit alle die Chance hatten, an der Bürger:innenwerkstatt teilzunehmen und ihren Blick auf Mobilität einzubringen, haben wir offen eingeladen. Denn nachbarschaftliche Mobilitätskonzepte lassen sich nur dann anstoßen und umsetzen, wenn die Menschen vor Ort selbst aktiv werden.

Die vierstündigen Bürger:innenwerkstätten in Stuttgart-Rot, Geislingen und Waldburg wurden sorgsam vorbereitet, an die jeweiligen Rahmenbedingungen angepasst und von Moderator:innen begleitet. Wir starteten mit den bereits erstellten Personas aus Schritt 2 und dem „Probleme erkennen“, damit sich alle Anwesenden ein Bild über die Problemlage verschaffen konnten. Je nach ihren Interessen bildeten die Teilnehmer:innen Gruppen, tauschten sich über das jeweilige Problem aus und passten die Definitionen bei Bedarf an. Zum Abschluss der Problemanalyse formulierten die Gruppen ihre Problemdefinition in eine Frage um: „Wie könnten wir …?“

Anschließend präsentierten wir erfolgreich umgesetzte Beispielprojekte aus anderen Orten (Schritt 3 ). Dies diente dazu, die Teilnehmer:innen für das Thema zu begeistern und sie zu inspirieren. Als Nächstes erarbeiteten die Gruppen für ihre jeweilige Persona kreative und machbare Konzepte, wie die Mobilität anders und vor allem besser werden kann. Hilfreich waren dabei unterschiedliche kreative Methoden, die in Schritt 5 B vorgestellt werden. So entstanden in den Bürger:innenwerkstätten viele gute und tragfähige Ideen: Einkaufsshuttles, Bürger:innen- bzw. Rufbusse, Fahrgemeinschaften, Mobilitätsstationen und das Teilen privater Fahrzeuge. Die Teilnehmer:innen planten zudem, Nachbarschaftsstraßen einzurichten und Stadtmöbel aufzubauen, die für mehr Lebensqualität im Quartier sorgen sollen. Ein weiterer Vorschlag war es, ein Aktionsbündnis zu gründen, um mehr Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse der Menschen im Quartier zu erzeugen. Insgesamt kamen in den drei Workshops 30 Ideen zustande. Am Ende wählten die Teilnehmer:innen die Ideen aus, die sie am meisten interessierten und an denen sie gern weiterarbeiten wollten.

Nach der Bürger:innenwerkstatt stellte sich die Frage, wie sich die Ideen konkret umsetzen lassen. Es wurden Projekt-Arbeitskreise mit vielen Engagierten gebildet, um die besten Ideen aus der Auftaktveranstaltung Wirklichkeit werden zu lassen. In mehreren Treffen entwickelten die Gruppen die Ideen mit großer Freude weiter.

Wichtig waren dabei folgende Schritte:

  • 1

    Umsetzungsschritte und Aufgaben konkretisieren

  • 2

    Verantwortlichkeiten vergeben

  • 3

    Ausmachen, an welchen Stellen Unterstützung nötig ist

  • 4

    Weitere Akteur:innen für Mitwirkung gewinnen und Kooperationspartner:innen finden

  • 5

    Öffentlichkeitsarbeit

Schon frühzeitig sollten die Aktiven in den Projektgruppen reflektieren, wie sich die Ideen in die Tat umsetzen lassen. Das Projektteam förderte die Aktivitäten in den Projektgruppen gezielt durch Vernetzung und Kommunikation. Durch Hintergrundrecherchen und die Vermittlung von Expert:innen oder Vertreter:innen vergleichbarer Projekte konnten wir die Gruppen ebenfalls unterstützen.

Nachdem die ersten Mobilitätsexperimente realisiert und erprobt worden waren, begann die Vorbereitung der zweiten Werkstatt-Phase. Ziel war es, die Konzepte weiter im Detail auszuarbeiten. Gemeinsam mit den Projektgruppen haben wir die Erfahrungen aus den umgesetzten Mobilitätsprojekten analysiert. Anschließend haben wir wieder Ideen gesammelt, wie wir die Projekte weiterentwickeln und verbessern können, um keine Eintagsfliegen, sondern etwas Langfristiges und Dauerhaftes zu schaffen. Außerdem überlegten die Teilnehmer:innen gemeinsam, welche ungenutzten Möglichkeiten es noch gibt. Die WerkstattPhase war also ein sich fortlaufend wiederholender Vorgang.

B. Träume und Visionen erlaubt

B. Träume und Visionen erlaubt

Nachdem in Schritt 5 A ein kurzer Einblick in die MobiQ-Werkstatt gegeben wurde, erfahrt ihr nun Tipps und Tricks für eure eigene Ideenschmiede. Eine Bürger:innenwerkstatt kann nur erfolgreich sein, wenn sie sorgfältig vorbereitet wird. Es ist wichtig, den Ort gut zu kennen, mit den beteiligten Akteur:innen vorab zu sprechen und die Veranstaltung gut zu planen. Wichtig für kreative Werkstätten ist es zudem, Vielfalt als große Chance zu sehen. Es ist gut, wenn sich Menschen mit unterschiedlichem Wissen, sozialem oder kulturellem Hintergrund und mit verschiedenen Sichtweisen und Meinungen beteiligen und ihre Fähigkeiten einbringen. Wenn verschiedene Denkweisen, Perspektiven und Erfahrungen zusammenkommen, können passende und vor allem originelle Lösungen entstehen.

Darüber hinaus ist es besonders wichtig, dass eine Stimmung herrscht, die unterstützt und ermutigt. Die Teilnehmer:innen sollen sich frei fühlen, ihre Gedanken ohne Angst vor Kritik zu teilen. Es muss Raum für ungeschliffene, zunächst unkommentierte Gedanken geben. Das ermutigt, offen zu sprechen und die eigene Kreativität frei zu entfalten. Eine Person, die moderiert, ist dabei unerlässlich. Sie sorgt dafür, dass gemeinsam vereinbarte Regeln eingehalten werden. Zudem ist so ein Workshop gut zu strukturieren. Eine gute Moderation fördert es, dass die Menschen miteinander ins Gespräch kommen, und leitet die Diskussionen. Gleichzeitig ist es wichtig, flexibel zu bleiben, um auf neue Entwicklungen und Ideen angemessen reagieren zu können.

Eine Bürger:innenwerkstatt zum Thema nachhaltige Mobilität soll von Anfang an begeistern. Es soll das Gefühl entstehen, dass man gemeinsam etwas gestalten kann. Einstiegsfragen wie „Was ist deine Motivation, heute hier dabei zu sein?“ und „Wie würdest du dich am liebsten in der Region bewegen?“ dienen dazu, individuelle Visionen, Träume und Ideen zur nachhaltigen Mobilität zu erkunden. Dies betrifft insbesondere Kinder, Jugendliche und mobilitätseingeschränkte Menschen. Engagement und Gemeinschaft werden wertgeschätzt, dies steht im Zentrum der Veranstaltung. Erkenntnisse aus vorangegangenen Interviews, Analysen und Recherchen fließen in die Diskussion ein. Es können verschiedene Hilfsmittel wie Stadtplan, Flipchart, Moderationswände, Notizkarten und Symbole verwendet werden, um das Gesagte zu dokumentieren.

Die Problemdefinitionen und Personas (Schritt 2 ) helfen den Teilnehmer:innen, in das Thema einzusteigen und ein gemeinsames Problemverständnis zu erlangen. Jede:r Teilnehmer:in wählt ein Problemfeld aus, mit dem er oder sie sich identifizieren kann. So bilden sich Kleingruppen, die sich jeweils mit einem Problem beschäftigen. Die Problemdefinition wird bei Bedarf angepasst und gemeinsam exakt formuliert, z. B.: „Ältere Menschen, die in der Umgebung wohnen, können nicht in dem Umfang an Veranstaltungen teilnehmen, wie sie dies gerne möchten.“ Es ist wichtig, das Problem genau zu beschreiben. So verhindert man, dass das Fass immer wieder neu aufgemacht wird und wertvolle Energie und Gestaltungsfreude verloren geht.

Nun ist es Zeit, die Phase der Problemanalyse zu verlassen und in die Lösungsfindung überzugehen. Hier startet ihr am besten, indem ihr das Problem in eine Frage umformuliert, beispielsweise: „Was wäre, wenn …?“ oder „Wie könnten wir …?“ Danach könnt ihr eurer Kreativität freien Lauf lassen und die besten Ideen suchen.

Es ist wichtig, kreative Methoden und Werkzeuge einzusetzen, um Ideen erfolgreich zu entwickeln. Auf den folgenden Seiten werden einige Methoden näher erklärt, z. B. Design Thinking, Brainstorming und Arbeiten mit visuellen Hilfsmitteln wie LEGO®-Steinen. Solche oder ähnliche Methoden ermöglichen es, den Werkstatt-Prozess klar zu strukturieren und gleichzeitig Raum für spontane Überlegungen zu lassen. Dabei entstehen Ideen für gemeinschaftliche Mobilitätslösungen, die umsetzbar sind und zur weiteren Mitarbeit einladen.

Im Anschluss daran können die Ideen zusammengefasst werden, die inhaltlich zusammengehören. So könnt ihr am Ende Konzepte ausarbeiten, einen Titel für das Projekt finden und eine Skizze erstellen. Die Skizze hilft dabei darzustellen, wie das Projekt funktionieren kann.

Ideenskizze

Eine gruppe Senior:innen entwickelte eine Ideenskizze für einen Gelände-Rollator im Rahmen der ersten Bürger:innenwerkstatt in Geislingen.

Auf einem Ideen-Marktplatz könnt ihr dann die Konzepte präsentieren. Anschließend entscheiden sich die Teilnehmer:innen bei einem Rundgang durch die Konzepte für die Ideen, die sie umsetzen wollen. Es wird nicht alles reibungslos laufen und die meisten Ideen werden nicht so umgesetzt, wie sie in der ersten Werkstatt angedacht wurden. Wichtig ist es aber, mit Hindernissen von vornherein konstruktiv umzugehen. Gute Ideen können Menschen begeistern und dazu motivieren, sich aktiv bei der Umsetzung einzubringen und trotz unvorhergesehener Rückschläge am Ball zu bleiben.

Ihr dürft auch nicht vergessen, die Veranstaltung gut nachzubereiten und zu dokumentieren. Stellt sicher, dass die Engagierten dabei unterstützt werden, ihre Ideen umzusetzen. Das ist anspruchsvoll und auch mit Arbeit verbunden. Der Kontakt zu den Menschen vor Ort muss aufrechterhalten werden. Das geht nicht ohne Zeit und Ansprechpersonen, die zur Verfügung stehen.

C. Erfindergeist à la Daniel Düsentrieb

C. Erfindergeist à la Daniel Düsentrieb

Kreativitätstechniken werden gezielt eingesetzt, um Ideen, Visionen oder Lösungen zu Kreativitätstechniken werden gezielt eingesetzt, um Ideen, Visionen oder Lösungen zu entwickeln. Es handelt sich dabei aber nicht um eine komplizierte Raketenwissenschaft. Kreativitätstechniken sind Werkzeuge, die die Fantasie anregen und Schritt für Schritt lösungsorientiertes Denken fördern. Herzlich willkommen in der Welt der Kreativität! Im Folgenden erläutern wir kurz einige dieser Techniken.

Nicht im sterilen Raum Lösungen entwickeln und dann der Bevölkerung überstülpen, sondern versuchen, gemeinsam Lösungen weiterzuentwickeln und wirklich auf konkrete Probleme oder Herausforderungen zu reagieren, die im lokalen Kontext bestehen.“

D. Die Rolle der Stadt oder Gemeinde

D. Die Rolle der Stadt oder Gemeinde

Auch in diesem Schritt sind die lokalen Akteur:innen, einschließlich Politik und Verwaltung, wichtig. Ehrenamtliches Engagement ist kein Selbstläufer. Es ist, insbesondere auf kommunaler Ebene, aktiv zu unterstützen. Regelmäßige Bürger:innenwerkstätten zu verschiedenen Themen können das Engagement fördern. Der finanzielle Aufwand ist überschaubar, indem Getränke bereitgestellt und kommunale Räume, wie Bürger:innen- oder Mehrgenerationenhäuser, als Veranstaltungsorte genutzt werden. Allerdings sind die Räumlichkeiten auch entsprechend zu bewerben. Ansprechpersonen vor Ort können gezielt bei der Vernetzung und Organisation einer Veranstaltung unterstützen.

Häufig sind es Kommunen, die eine Bürger:innenwerkstatt durchführen, um Menschen zu beteiligen und zu aktivieren. Sie haben Erfahrung darin, Veranstaltungen vorzubereiten, durchzuführen und nachzubereiten. Abgesehen davon haben Kommunen oftmals das nötige Equipment für die kreative Ideenentwicklung (z. B. Moderationskoffer, Stadtpläne, Stellwände). Wenn Kommunen ihr Wissen und ihr Equipment zur Verfügung stellen, können sie die Veranstalter:innen maßgeblich unterstützen. Beratungs- und Förderungsmöglichkeiten für Städte und Gemeinden gibt es zum Beispiel von der Allianz für Beteiligung e. V. (allianz-fuer-beteiligung.de).

Im April 2022 fand in Stuttgart-Rot die erste MobiQ-Bürger:innenwerkstatt im Bürgerhaus Rot statt. Foto: insertEffect GmbH

Die Mental Map der Fleiner Straße in Stuttgart Rot hält die Eindrücke fest, die während eines Besuchs besonders im Gedächtnis geblieben sind. HFT_Labor Experimenteller Stadtraum_Sommersemester_2023 Studierende: Lara Joséphine Barnic; David Maihöfer; Steve Oberst Bearbeitung: Pauline Philipp

Anhand eines Luftbildes wurden die Mobilitätsprobleme diskutiert und direkt verortet. Foto: insertEffect GmbH

Die Waldburger:innen trafen sich im März 2022 zur ersten  MobiQ-Bürger:innenwerkstatt in der Mehrzweckhalle. Fotot: insertEFFECT GmbH

Auch die Bürger:innenwerkstatt sollte regelmäßig wiederholt werden, wie hier in Geislingen Anfang 2023. Foto: insertEffect GmbH